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Nach Beben in der Türkei: Gemeinde baut Kirche wieder auf
Die Fassade der Kirche ist schon von Weitem zwischen den Trümmern zu sehen. Wie aus Trotz hat die Mauer dem verheerenden Erdbeben vor drei Jahren in der Südosttürkei standgehalten. Während in anderen Stadtteilen schon Neubauten stehen, liegt die Altstadt Antakyas – einst Magnet für Touristen aus aller Welt – noch zum großen Teil in Trümmern.
Der Schutt wurde inzwischen weggeräumt, der Lärm von Lastern und Baggern ist allgegenwärtig, Staub dringt in die Nase und legt sich auf die Haut. Die Wege sind matschig und die Straßen nachts nur schummrig beleuchtet, wer kann, ist mit dem Auto unterwegs. Absperrungen des Kulturministeriums markieren historische Gebäude, die wieder aufgebaut werden sollen – und das sind viele.
Die griechisch-orthodoxe Kirche ist eine davon. Zwar blieben ein paar Mauern stehen, doch der Bau aus dem 19. Jahrhundert und umliegende Pfarrhäuser sind eingestürzt. Die kleine Gemeinde mit etwa 400 Familien wurde nach dem Beben in andere Landesteile versprengt. Doch inzwischen seien die meisten zurückgekommen, sagt Fadi Hurdigil, Vorsitzender der Stiftung der griechisch-orthodoxen Kirche in Antakya.
Die Menschen fühlten sich Antakya verbunden und wollten mit anderen zusammenkommen, die dasselbe Trauma erlebt hätten. Jeder habe jemanden verloren. In der Gemeinde allein seien 41 Menschen durch das Beben getötet worden. «Die Kirche ist ein Schirm», sagt Hurdigil, sie sei wichtig für die seelische Heilung, gerade für eine Minderheit.
Zwei Erdbeben der Stärke 7,7 und 7,6 hatten am 6. Februar 2023 die Südosttürkei und Nordsyrien erschüttert. Allein in der Türkei kamen nach Regierungsangaben mehr als 53.000 Menschen ums Leben. Elf Provinzen waren betroffen, am stärksten davon Hatay und darin die Stadt Antakya. Regierungsangaben zufolge lebten nach dem Erdbeben rund 700.000 Menschen in der Region in Containern, zurzeit sind es noch rund 200.000.
Hurdigil steht im ehemaligen Kirchenschiff und zeigt um sich. Bis zu sechs Metern habe sich der Schutt an den Wänden hochgestapelt. Inzwischen wurde alles abgetragen. Blaue Farbreste in einer Ecke erinnern an die prunkvollen Malereien im Gotteshaus. Die Kirche war bereits 1872 bei einem Erdbeben vollständig eingestürzt und wiederaufgebaut worden. Hurdigil sagt, man habe lange nach einer Finanzierung gesucht, der Staat unterstütze nun den Wiederaufbau.
Die Habibi-Neccar Moschee strahlt schon wieder in neuem Glanz. Die Moschee aus dem 7. Jahrhundert ist dem Kulturministerium in Hatay zufolge die älteste in der modernen Türkei. Sie trägt den Namen eines Schreiners, der im Christentum und Islam als Märtyrer erwähnt wird. Das Erdbeben hat die Moschee zerstört. Nun wurde sie sorgfältig wieder aufgebaut - und pünktlich zum Besuch von Präsident Recep Tayyip Erdogan Ende Dezember fertiggestellt.
Erdogan verkündete, die Regierung habe inzwischen rund 450.000 Wohnungen in 11 Provinzen gebaut und angefangen, diese zu übergeben. Die Neubausiedlungen in Hatay liegen etwas entfernt von der Stadt am Berg, doch auch im Zentrum nahe dem Fluss Orontes reihen sich meist vierstöckige Neubauten aneinander, an den Fenstern klebt noch die Schutzfolie. Ein Fahrradweg führt an der Straße entlang.
Rund um die Habibi-Neccar Moschee stehen rekonstruierte Häuser aus Stein und Holz. Eine kleine Einkaufsstraße ist fertig. Der Antiquitätenhändler Serkan Sincan sitzt als einziger vor einem Laden, den er erst mal mietfrei nutzen darf. Nach dem Erdbeben erlangte Sincan lokale Bekanntheit, weil er inmitten der Trümmer mit Musik und Optimismus versuchte, seine Landsleute aufzubauen. Noch sind die neuen Geschäfte hier leer und nicht vermietet, nur für Erdogans Besuch wurden die Läden mit Waren bestückt und geöffnet – und dann wieder geschlossen.
Die Opposition kritisierte, es werde eine Show für Erdogan abgezogen und sprach von Potemkinschen Dörfern – also der Vorspiegelung einer heilen Welt. Die Regierung wies das zurück. Ob Show oder nicht, Sincan stört sich nicht daran. Die kurze Öffnung der Läden habe ihm Hoffnung gegeben, sagt er und gezeigt, wie die Zukunft aussehen könnte.
So vorangeschritten der Wiederaufbau ist, verstecken lassen sich die Probleme nicht. Für die Anwohner etwa ist die durch Baustaub verschmutzte Luft nach wie vor eine große Belastung. Schon lange warnt die Ärztekammer vor gesundheitlichen Schäden.
Gerade für Kinder sei die Situation belastend, sagt Mehmet Ali Gümüs. Der Anwalt hat nach dem Erdbeben seine kleine Organisation «Wir sind hier, Hatay» aufgebaut. Manchmal organisierten sie Touren zu historischen Städten, damit die Kinder eine Verbindung zur Stadt herstellen können, die es so nicht mehr gibt. In einem Café mit Bibliothek können sich die Kinder treffen und lernen. Oft gebe es in den Containerstädten oder den beengten Häusern nicht mal Platz, um Hausaufgaben zu machen, sagt Gümüs. Das Café sei mit einem Generator gegen die vielen Stromausfälle gewappnet. «Routinen sind wichtig und ein Ort, an dem sich die Kinder sicher fühlen», so Gümüs.
Ein Begegnungsort, das soll auch die Kirche sein. In etwa zwei Jahren, so hofft Hurdigil, ist das Gotteshaus fertiggestellt. «Wird alles gut, wenn es eine Kirche gibt?», fragt er mehr zu sich selbst und schüttelt leicht den Kopf. Es sei aber ein Anfang – alles andere brauche Zeit.