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ARD-Doku: Das letzte Album der Toten Hosen
Im Februar 2024 treffen fünf Herren gesetzteren Alters bei nasskaltem Wetter im münsterländischen Senden ein. Die Toten Hosen sind gekommen, um ihr letztes Album aufzunehmen. Erstmals lassen sie sich dabei filmen. «Nochmal aus allen Rohren schießen» ist die Ansage von Frontmann Campino.
Dann quartiert sich eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands über viele Monate in einem umgebauten Bauernhof ein, um dort mit Produzent Vincent Sorg an ihrem 16. Studioalbum zu feilen. Doch zwei Jahre später wird es emotional: «Ich bin betrübt», sagt Campino. «Ich komme mir vor, wie verprügelt.»
90-minütiger Film
Regisseur Eric Friedler durfte die Band über einen Zeitraum von zwei Jahren begleiten und hat mit seinem 90-minütigen Dokumentarfilm ein Porträt der Toten Hosen samt Zeitreise durch über 40 Jahre Bandgeschichte geschaffen.
Ab Mittwoch (20. Mai) ist die Doku «Die Toten Hosen – Das letzte Album», eine Produktion von SWR und NDR, in der ARD Mediathek abrufbar und wird am Samstag (23. Mai) um 23.25 Uhr nach dem DFB-Pokalfinale im Ersten ausgestrahlt. Am Dienstagabend feierte sie in Anwesenheit von Campino, Bassist Andi Meurer und Schlagzeuger Vom Ritchie Premiere in einem Kino in Mainz.
Die Band gewährt teils tiefe Einblicke. Warum hat sie das getan? «Wir haben nicht mehr viel zu verlieren», sagte Frontmann Campino der Deutschen Presse-Agentur in Mainz.
Erinnerung oder Mahnung
«Jetzt ist es eh egal. Ich habe mir immer ausgemalt, dass es für uns selber spannend sein könnte – entweder als Erinnerung an schöne Zeiten oder als Mahnung: Denke ja nicht daran, so was nochmal zu versuchen», sagte Campino weiter und ergänzte: «Wenn man sich auf so ein Projekt einlässt, dann ist der Preis dafür, dass man nicht versucht, die Sache zu beeinflussen oder eine Hofberichterstattung zuzulassen. Dann muss es um alles gehen, anders wäre es wertlos.»
«Bei so einer Doku ist der Ausgang offen, man stürzt rein», sagte Regisseur Friedler der dpa. «Man brauchte schon sehr viel Geduld, sehr viel Spontanität und Flexibilität, um da zu sein, mitzuhören und dann zu reagieren, dann muss die Kamera funktionieren, dann muss der Ton funktionieren, dann müssen alle bereit sein.»
Die Doku machen zu können, sei ein «Riesenprivileg» gewesen, betonte Friedler, «weil wir in eine so intime Situation reingegangen sind. Campino hat mal gesagt, es ist wie, wenn man Tagebuch schreibt und man schaut einem über die Schulter. Es gibt Bands, die das auch als Entmystifizierung betrachten würden. Die Toten Hosen sind eine Band, die sehr ehrlich und geerdet ist.»
Von sämtlichen Plattenfirmen abgelehnt
Campino (63) verrät in dem Film, dass sie in ihrer Frühphase zwar sämtliche Plattenfirmen angeschrieben hätten, aber von allen abgelehnt wurden: «Die ersten zehn Jahre waren wir pleite.»
Bandmitglieder bestätigen, dass ihr größter Hit «Tage wie diese» schon aussortiert war und nur durch Campinos damalige Freundin Birgit Minichmayr zurück aufs Album fand. Und auch das nur durch einen Zufall, denn eigentlich hätte sie diesen Song gar nicht mehr anhören sollen.
Nebenbei verrät Campino, was er der dpa bei einer Anfrage vor ein paar Monaten noch nicht bestätigen wollte: «Tatsächlich bin ich überraschenderweise noch mal Vater geworden. Ich hatte mir meinen Weg zur Rente schon anders vorgestellt, aber das fällt ja jetzt aus.»
Es gibt auch Sorgen vor der «großen Leere»
Den Mienen der Musiker sieht man an, dass der Band bei dem Gedanken an den nahen Abschied mulmig ist: «Dass dies das letzte Album ist, ist für mich immer noch schwer vorstellbar. Ja, das Ende der Toten Hosen rückt näher», sagt Gitarrist Kuddel und bekennt, dass er sich vor der «großen Leere» fürchte.
«Es geht darum, dass wir unser Leben nicht mehr reflektieren in einer Albumform mit einer richtigen Dramaturgie, mit verschiedenen Stücken», sagte Campino der dpa. «Das ist auserzählt und das ist auch in Ordnung. Alles andere wird auf uns zukommen. Was nicht heißen soll, dass da noch jede Menge Pläne sind.»
Geschichte vom Teddybär
Schlagzeuger Vom Ritchie scheint neben Campino der Einzige, der einem Leben nach den Toten Hosen etwas abgewinnen kann: «Es ist frustrierend, wenn dir etwas gefällt und Campino nicht, weil dadurch eine Menge guter Musik auf der Strecke bleibt.» Tatsächlich bekommen die Zuschauer der Doku Kostproben einiger Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben.
In einem wird ein Teddybär besungen. Gitarrist Kuddel klärt in der Doku auf, dass dies eine textliche Verarbeitung von etwas sei, das in der Zeit im Studio passiert sei. Campinos Frau sei beim Gynäkologen gewesen und das erste Ultraschallbild sei aufgenommen worden, erzählt er. Campinos Frau habe dann am Telefon gesagt: «Du, wir kriegen kein Baby, wir kriegen einen Teddy.» Sie habe ihm das Ultraschallbild geschickt, auf dem der Kopf des Babys wie der eines Teddys ausgesehen habe - «wie Ultraschallbilder halt manchmal sind».
Quälender Prozess
Der Dokumentarfilm macht deutlich, und Campino sagt es schließlich auch offen, dass der Prozess, den er für ein neues Album durchläuft, oft quälend ist. «Dadurch, dass es streckenweise richtig ätzend ist, ist es auch leicht, Abschied zu nehmen», sagt er.
Dagegen spricht seine Gemütsverfassung, als das Album schließlich fertig ist: «Ich war erstaunt, dass Campino in so ein Loch gefallen ist, dass er weinen musste», sagt sein Freund und jahrzehntelanger Weggefährte Kuddel, denn: «Campino hat die Entscheidung getroffen.»
Stets auf der Suche nach dem besten Song
Der Weg zum letzten Album ist nervenaufreibend. Schlagzeuger Vom Ritchie beschwert sich, dass immer noch neue Musik produziert werden muss, obwohl schon mehr als genug aufgenommen ist.
Dieser Prozess sei schon immer mühselig gewesen, verriet Campino der dpa. «Das ist wie bei jeder Geburt. Die Mütter erinnern sich nicht mehr an den Schmerz, deswegen haben sie dann auch Lust, weitere Kinder zu bekommen. So ähnlich ist das bei einer Albumproduktion», sagte der 63-Jährige.
«Es knallt immer richtig, da ist viel Druck drauf, mit Nervenzusammenbrüchen und allem Möglichen.» Diesmal sei noch die Komponente dazu gekommen, dass es zeitlich nach hinten so knapp geworden sei, wie sie es selten erlebt hätten.
Die Suche nach dem Besten
Songs werden geschrieben und wieder verworfen, stets auf der Suche nach dem Besten. Am Ende kommt in Düsseldorf eine erlauchte Runde aus Freunden und Vertrauten zusammen, um die Songs in der engeren Auswahl zu bewerten, die sogenannte «Listening Session». Auf Basis ihres Votums wird nachgearbeitet.
Der Zeitplan ist überreizt, die Stimmung angespannt, der Druck spürbar. «Vielleicht brennt es in mir am meisten, diese Frage, wie man was mit Würde zu Ende bringt», sagt Campino. Gitarrist Kuddel ist nicht glücklich, dass es das letzte reguläre Studioalbum ist: «Ich hätte mich nicht so entschieden.»
Das Filmteam ist auch hinter den Kulissen einer in den Aufnahmemarathon eingeschobenen Europatournee dabei. «Das muss man sich bewusst machen, dass es eben immer das letzte Konzert sein kann», sagt Kuddel.
Fragt sich, was für ein Album nun am Ende herausgekommen ist. Campino spricht von einer «runden Sache». «Was ich sagen kann, ist, dass wir alles gegeben haben, was wir derzeit liefern können und damit sollten wir auch Frieden schließen und im Zweifelsfall Milde gegen uns selbst walten lassen.»