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Der berühmteste Incel der Filmgeschichte
Ein psychisch labiler Vietnam-Veteran arbeitet nachts als Taxifahrer in New York. Er nimmt die Stadt voller «Abschaum» wahr und würde sie gern «säubern». So ließe sich der Film «Taxi Driver» knapp zusammenfassen, der im Mai 1976 in Cannes die Goldene Palme gewann.
Das legendäre Psychodrama wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Regie führte Martin Scorsese (damals 33 Jahre alt), die Hauptrolle spielte Robert De Niro (damals 32).
Nach heute teils geltenden Maßstäben müsste der Film wohl gecancelt werden. Er bildet Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Schwulenfeindlichkeit ab. Das N-Wort wird benutzt, Kinderprostitution wird gezeigt, das ist alles recht gewagt.
Doch der düstere Großstadtfilm kann trotz seiner Verankerung in den 1970er Jahren als zeitloses Meisterwerk gelten.
Darum geht es in dem Film
«Taxi Driver» zeichnet das Porträt von Travis Bickle (De Niro). Aus heutiger Sicht ist das Werk Kulturkampf-Kino. Ein einsamer Wolf macht mobil gegen «die da oben». Erzählt wird von destruktiver - heute würde man sagen: toxischer - Männlichkeit. Es ist eine Studie über Einsamkeit und die Suche nach Erlösung.
Warum der Film noch heute aktuell erscheint
Die im Film gezeigten gesellschaftlichen Gräben in den USA sind heute wohl noch größer und dürften für viele Länder gelten. Damals waren die Vereinigten Staaten durch den Vietnamkrieg und Richard Nixons Präsidentschaft polarisiert, heute scheinen sie es unter Donald Trump mehr denn je durch unterschiedliche Sichtweisen auf Themen wie Kriminalität und Sexualität. Menschen wie Bickle fühlen sich machtlos und entfremdet, verstehen die Welt nicht mehr.
Ein passender Begriff für Bickle als Typus wäre heute «Incel». Das Wort ist ein Mix aus «involuntary» und «celibate». Gemeint sind Männer, die unfreiwillig zölibatär, also sexuell enthaltsam, leben, sich nicht begehrt und ungeliebt fühlen. Sie sind frustriert und hadern damit, keine Frau abzubekommen. Bickle wäre heutzutage auch gut vorstellbar als hasserfüllter Troll in sozialen Medien.
Spoiler-Alarm zur Handlung: optional vier Absätze überspringen
Der Ex-Marine Travis Bickle in New York hat Schlafstörungen. Er sucht als Taxifahrer in Nachtfahrten Erleichterung. Er wird zum stillen Beobachter der aus seiner Sicht dekadenten Metropole. Er verguckt sich in die Wahlkampfhelferin Betsy. Deren anfängliche Faszination schlägt um in Verachtung, als Travis ungeschickt ein Date mit ihr ins Pornokino lenkt («Mir diesen Film anzubieten, ist genauso, als ob Sie mich fragen: "Wollen wir ficken?"»).
Nach der Abfuhr steigert sich Travis in die Rolle eines Kriegers hinein. Mit Irokesenschnitt und extrem bewaffnet unternimmt er einen Anschlagsversuch auf den von Betsy unterstützten Präsidentschaftskandidaten Charles Palantine.
Schließlich entlädt sich sein Hass in einem Amoklauf gegen die Zuhälterbande um die minderjährige Prostituierte Iris, die ihm zuvor öfter über den Weg gelaufen ist. Das Blutbad im Stundenhotel überlebt Travis schwer verletzt. In Medien wird er danach als Held gefeiert, der ein Mädchen aus dem sexuellen Missbrauch gerettet hat.
Die Anerkennung steht im krassen Gegensatz zum Leben vor dem Gewaltexzess. Travis fährt nach einiger Zeit wieder Taxi. Zuschauerinnen und Zuschauer bleiben mit dem mulmigen Gefühl zurück, nicht einschätzen zu können, inwiefern der undurchsichtige Travis noch eine tickende Zeitbombe ist.
Regie und Drehbuch
Regisseur Martin Scorsese, der in einer Szene einen (bärtigen) Fahrgast mimt, der am liebsten seine Frau abknallen würde, weil sie eine Affäre mit einem Schwarzen hat, gelingt es, eine intensive Atmosphäre zu schaffen. Gezeigt wird ein heruntergekommenes New York nahe am Bankrott: Manhattan vermaledeit.
Die Bilder ziehen einen hinein in die isolierte und paranoide Welt von Travis. Berühmt ist die Szene zu Hause vor einem Spiegel mit Waffe, Travis im Selbstgespräch, De Niro improvisierend: «Redest du mit mir?» (im Original: «You talking to me?»).
Autor Paul Schrader ließ sich für sein Drehbuch von eigenen New-York-Erfahrungen und der Lektüre der Tagebücher von Arthur Bremer inspirieren, der 1972 den demokratischen Politiker George Wallace anschoss.
Die Stars
Neben Robert De Niro als Travis und Cybill Shepherd als Betsy ist Harvey Keitel als windiger Zuhälter zu sehen. Die bei den Dreharbeiten erst zwölf Jahre alte Jodie Foster spielt die Kinderprostituierte Iris. Das sorgte damals für Aufregung, auch wenn in expliziteren Szenen Fosters ältere Schwester als Double zum Einsatz kam. Heute würde das alles wahrscheinlich noch mehr empören.
Foster («Angeklagt», «Das Schweigen der Lämmer») zeigte jedenfalls eine unglaublich reife Leistung. Sie wurde 1977 für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Ein psychisch gestörter Foster-Fan verübte 1981 ein Attentat auf US-Präsident Ronald Reagan. Er wollte - im «Taxi Driver»-Wahn - Fosters Aufmerksamkeit gewinnen und sie beeindrucken.
Die Musik
Die Sogwirkung von «Taxi Driver» wird auch durch die Musik von Alfred Hitchcocks kongenialem Komponisten Bernard Herrmann verstärkt. Herrmann («Psycho», «Vertigo») starb kurz nach dem Ende der Aufnahmen (viel Saxofon-Sound) im Dezember 1975 mit 64 Jahren. Der Film ist ihm posthum gewidmet.