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«Minotaurus» - Brutales Ehedrama mitten in Russlands Krieg

04.11.2026, 07:11

Seiner Heimat hat der für seine kritischen Gesellschaftsdramen bekannte russische Filmemacher Andrei Zvyagintsev schon vor Jahren den Rücken gekehrt. Wenn sein beim Filmfestival in Cannes hochgelobter Thriller «Minotaurus» in die deutschen Kinos kommt (Start: 5. November), ist das für den 62-Jährigen vor allem ein persönlicher Triumph: Zvyagintsev («Leviathan») feiert nach einer schweren Covid-Erkrankung samt Koma nach vielen Jahren nicht nur ein Comeback. Der im Exil in Frankreich lebende Regisseur schafft auch den ersten russischen Antikriegsfilm über die Ukraine-Invasion.

Die Handlung des in Lettland gefilmten Streifens dreht sich um den Geschäftsmann und Familienvater Gleb (Dmitri Morosow), der beim Lösen von Problemen im Job oder im Privaten keine Skrupel kennt. Er genießt seinen Wohlstand mit seiner Frau Galina (Iris Lebedewa) und seinem Sohn in seinem Haus in ländlicher Idylle. Unter keinen Umständen will er zulassen, dass den Familienfrieden etwas stört. Weil er Galina verdächtigt, eine Affäre zu haben, setzt er einen Spitzel auf sie an - und kümmert sich dann selbst um den Liebhaber.

Eiskalt handelt Gleb auch, als der Bürgermeister der erfundenen Provinzstadt Krasnoborsk von ihm verlangt, er möge wie andere Unternehmer auch 14 Mitarbeiter der Firma bestimmen, die an der Front für Kremlchef Wladimir Putins Sieg gegen die Ukraine kämpfen sollen. Es ist eine makabre Praxis aus dem wahren russischen Leben.

14 Opfer für das Kriegsmonster

Seit Beginn von Putins Invasion gibt es unzählige Berichte darüber, dass nicht zuletzt der Druck auf Unternehmen groß ist, ihren Beitrag zum Krieg zu leisten und eigene Leute zu opfern. Ohne Widerspruch. Viele ziehen nicht freiwillig in den Krieg, wie der Film «Minotaurus» - benannt nach der Figur der griechischen Mythologie mit dem Stierkopf - eindrucksvoll zeigt. Die Zahl der ausgewählten Soldaten für Putins Krieg erinnert an die 14 Opfer, die dem Minotaurus der Saga nach zum Fraß vorgeworfen wurden.

Wie in seinem preisgekrönten Streifen «Leviathan» nimmt sich Zvyagintsev einmal mehr die russisch-orthodoxe Kirche vor. Er taucht ab in gesellschaftliche und private Abgründe, die einen erschaudern lassen. «Russland wirkt inzwischen wie ein Ungeheuer», sagt Zvyagintsev über seinen Film. Er zeigt eindringlich, wie der Schrecken des Krieges Akteure bis zur Unmenschlichkeit abstumpfen lässt.

Klares Bild der Stimmung in russischen Kriegszeiten

Entstanden ist ein authentisches Bild der Stimmung in Russland: Panzer auf Güterwaggons, Plakate mit Werbung für den Fronteinsatz und eine Zeremonie, bei der angehende Soldaten verabschiedet werden und ihnen Ehre und Ruhm versprochen wird. So nah das am echten Leben in Russland in Zeiten des Krieges ist, so sehr Zvyagintsev auch weiß, wovon er erzählt - mancher Fan mag doch die Tiefe seiner bisherigen Filme («Elena», «Loveless») vermissen.

Liegt es daran, dass der Regisseur inzwischen zu lange weg ist aus Russland? Etliche ausgewanderte Kunstschaffende beklagen, dass sie bei aller Rauheit des Lebens in Russland ihre Heimat als Quell der Inspiration vermissen. Oder liegt es daran, dass Zvyagintsev auf seinen bewährten Co-Autor Oleg Negin verzichten musste? Er selbst erklärt, dass Negin in Russland lebe und mit dem Stoff nur Probleme bekommen hätte. Er habe auch keine Adaption machen wollen.

Hommage an Chabrols Film «Die untreue Frau»

Das Drama um Gleb und seine Frau ist eine Hommage an Claude Chabrol, ein Remake des Filmklassikers «Die untreue Frau» (1969). Zvyagintsev, der die Familie als Ort sieht, an dem der Mensch sein innerstes Wesen am ehesten offenbart, konzentriert sich stark auf die Krise und zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie. Die umstrittene Mobilmachung ist der andere große Handlungsstrang, der nicht so auserzählt ist - und die Koproduktion von ZDF und Arte wie zwei Filme in einem aussehen lässt.

In Cannes reichte das für den Großen Preis der Jury. In Russland wird er aber wie viele gesellschaftskritische Filme keine offizielle Lizenz bekommen für die Kinos, zumal Zvyagintsev als «ausländischer Agent» eingestuft ist. In seiner Rede in Cannes appellierte er an Putin, den seit mehr als viereinhalb Jahren andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden. «Die ganze Welt wartet darauf», rief er von der Bühne.

Russische Filmkritik begeistert

In Russland dominieren in den Kinos Heldenerzählungen von Vaterlandsverteidigern und die Glorifizierung des Krieges zum Schutz von Russlands Interessen und Großmachtstreben. Gleichwohl lobte etwa der prominente russische Filmexperte Andrej Pljachow, der auch für die Moskauer Zeitung «Kommersant» schreibt, den Streifen in den höchsten Tönen. Zvyagintsev werfe «schmerzhafte Fragen zu Gesellschaft, Familie und Individuum» auf, schrieb er nach der Cannes-Premiere.

«Diese Fragen, die auch in Friedenszeiten aktuell sind, haben sich in der heutigen Kriegssituation bis zum Äußersten verschärft. Aggression und Gewalt breiten sich wie ein Virus aus; wenn sie einen Organismus befallen, lösen sie schnell eine Epidemie aus. "Minotaurus" ist die erste von einem russischen Regisseur formulierte Antikriegsbotschaft in Form eines großen Spielfilms.» Die «herzzerreißende Szene» des Abschieds der Rekruten für den Krieg, schreibt der Experte, habe das Zeug, in die Kinogeschichte einzugehen.

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