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Opferzahl nach Zugunglück weiter ungewiss – Druck wächst
Auch zwei Tage nach dem Zugunglück in Spanien ist das Ausmaß der Katastrophe nicht endgültig abzusehen. Zwar ist die Suche nach Opfern an der Unglücksstelle abgeschlossen, doch die Zahl von bislang 69 Toten könnte nach Angaben der Behörden noch steigen. Der Grund: Eine große Menge menschlicher Teilüberreste erschwert die Identifizierung. Zugleich wächst der politische Druck auf die Regierung: Verkehrsminister Óscar Puente verteidigte das spanische Bahnsystem und schloss einen Rücktritt aus.
Bei den 69 Toten handele es sich um vollständig geborgene Leichen, sagte der Regierungschef der Region Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page. Zwischen den Wracks gebe es keine weiteren Opfer. Die Identifizierung der Teilüberreste sei jedoch äußerst kompliziert. «Wir schließen deshalb nicht aus, dass es weitere Todesopfer geben könnte», sagte er.
Todesopfer aus 27 verschiedenen Ländern
Unter den Todesopfern sind nach Angaben von Ministerpräsident Pedro Sánchez Menschen aus 27 verschiedenen Ländern. Die Regierung stehe mit allen betroffenen Konsulaten in Kontakt, um diese so schnell wie möglich zu informieren, sagte er auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit García-Page.
Die Gerichtsmediziner in Toledo arbeiteten daran, die Toten so schnell wie möglich zu identifizieren. Bislang wurden nach Behördenangaben 48 Autopsien vorgenommen und 13 Leichen identifiziert. Die Behörden baten Angehörige der Vermissten, DNA-Proben zur Verfügung zu stellen, um die Identifizierung zu beschleunigen.
Auch die Untersuchungen zur Ermittlung der Ursache des zweiten schweren Bahnunglücks in Spanien innerhalb von nur neun Monaten sind in vollem Gange. Beim ersten Unfall waren im Januar bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen ums Leben gekommen. Am Mittwoch kollidierten erneut zwei Hochgeschwindigkeitszüge: Ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe fuhr nahe der Gemeinde Urda rund 130 Kilometer südlich von Madrid auf einen stehenden Zug des privaten Unternehmens Iryo auf.
Im Zentrum der Ermittlungen stehen der Ausfall des Zugsicherungssystems LZB und mögliche Fehlentscheidungen in der Bahnleitstelle. Von Medien veröffentlichte Mitschnitte des Funkverkehrs legen nahe, dass der Lokführer des Renfe-Zuges von einem Mitarbeiter der Leitstelle angewiesen wurde, den normalen Fahrbetrieb wieder aufzunehmen, obwohl das LZB-System nicht wieder funktionierte und der Iryo-Zug weiterhin auf der Strecke stand.
Minister weist Kritik zurück
Puente bezeichnete den Unfall derweil erneut als «unerklärlich». Er wies Kritik an der Sicherheit des Bahnsystems zurück. LZB habe allein in diesem Jahr in Spanien 170 Störungen verzeichnet. Das liege im europäischen Normalbereich. Das gesamte Sicherheitssystem sei eigentlich auf solche Ausfälle vorbereitet.
Auch Vorwürfe eines Personalmangels und einer Überlastung der Mitarbeiter bestritt Puente. Die Zahl der Kontrolleure sei deutlich erhöht worden. Gewerkschaften beklagen dagegen eine zunehmende Arbeitsbelastung und Ermüdungserscheinungen bei den Beschäftigten.
Die Ermittler haben inzwischen die Fahrdatenschreiber der Züge geborgen. Die Aufzeichnungsgeräte befinden sich nun in den Händen der Polizeieinheit Guardia Civil. Die Daten sollen in den kommenden Tagen ausgewertet werden, wie die unabhängige Unfalluntersuchungsbehörde AITAT mitteilte. Nach ersten Schätzungen der Behörde ereignete sich der Zusammenstoß bei einer Geschwindigkeit zwischen 160 und 200 Kilometern pro Stunde.
Der betroffene Mitarbeiter der Leitstelle habe von seinem Recht Gebrauch gemacht, gegenüber der zuständigen Polizeieineinheit Guardia Civil zunächst keine Aussagen zu machen, berichtete der staatliche TV-Sender RTVE unter Berufung auf das Verkehrsministerium.