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Wähler mit Migrationshintergrund wenden sich von Parteien ab

31.08.2026, 16:08

Wählerinnen und Wähler mit Migrationshintergrund gehen noch stärker auf Distanz zu den Parteien als andere Wahlberechtigte. Das zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zur Wahlneigung verschiedener Bevölkerungsgruppen. 

Vor allem eine Gruppe geht auf Abstand

Unter deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund war der Anteil derer, die eine bestimmte Partei für wählbar halten, demnach im Winter 2024/2025 deutlich geringer als ein Jahr zuvor. Das gilt insbesondere für Wahlberechtigte, die Wurzeln in der Türkei, in Nahost, Nordafrika, Afghanistan oder Pakistan haben. Von ihnen konnte sich zum Zeitpunkt der Befragung nur jeder Zweite vorstellen, jemals CDU oder CSU zu wählen, nach 67 Prozent ein Jahr zuvor. Die SPD rutschte in dieser Gruppe von 71 Prozent auf 60 Prozent ab. Auch die Linke verlor unter Wahlberechtigten mit familiären Wurzeln in diesen Staaten deutlich an Zuspruch.

Fragen der persönlichen Sicherheit im öffentlichen Raum spielen für Menschen mit Wurzeln in arabischen Ländern, der Türkei, Afghanistan und Pakistan eine wichtige Rolle, wie andere Studien zeigen.

Türkische Gemeinde beklagt mangelnde politische Repräsentanz

Zu den Gründen für ihre Abkehr von den Parteien zählten mangelnde politische Repräsentanz und das Gefühl, mit den eigenen Problemen nicht gesehen zu werden, sagt Martin Gerlach, Bundesgeschäftsführer der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). Eines davon sei die Zunahme von antimuslimischem Rassismus. Dieser stelle auch für Muslime, die selbst nicht religiös seien, ein Problem dar.

AfD kommt bei Zugewanderten aus Ex-Sowjetstaaten besser an

Die AfD kommt bei Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund weniger gut an als bei Wählern, deren Eltern beide von Geburt an Deutsche waren. Einzige Ausnahme sind Menschen, die ihre Wurzeln in Russland oder anderen Staaten der früheren Sowjetunion haben. Im Winter 2024/2025 konnten sich überdurchschnittlich viele Befragte aus dieser Gruppe vorstellen, die Partei zu wählen, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet wird und die deutsche Unterstützung für die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland kritisiert. Zwar zählen zu dieser Kategorie auch Deutsche mit ukrainischen Wurzeln. Ihre Zahl ist jedoch verschwindend gering. 

Die Forscher hatten für ihre Untersuchung nicht gefragt, wen die Teilnehmer der Umfrage wählen würden, wenn schon am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, sondern, wie wahrscheinlich es ist, dass sie eine bestimmte Partei jemals wählen würden. 

SPD trotz mangelnden Vertrauens auf erstem Platz

Danach hat die SPD bei zugewanderten Wählern und ihren Nachkommen insgesamt noch das größte Wählerpotenzial. Rund zwei Drittel der Wahlberechtigten mit Migrationsgeschichte halten die Sozialdemokraten für wählbar. CDU und CSU belegen laut Dezim mit relativ geringem Abstand den zweiten Platz. 

Dass die SPD bei den Menschen mit Migrationshintergrund inzwischen als weniger wählbar gilt als noch vor einigen Jahren, sei sicher auch auf eine «grundsätzliche Entfremdung» der Partei von ihrer klassischen Wählerklientel zurückzuführen, die sich auch bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund beobachten lasse, sagt die Co-Autorin der Dezim-Publikation, Friederike Römer. Da gehe es um Wohnen oder andere soziale Themen. Wie sich der starke Abfall innerhalb eines Jahres erklären lasse, zeigten die Ergebnisse der Befragung nicht. Dass die Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt hier womöglich eine Rolle gespielt habe, sei etwas, was man sich genauer anschauen müsste. 

 

 

Große Distanz zwischen Grünen und Wählern aus Ex-Sowjetunion

Die Grünen haben den Daten zufolge unter den EU-Ausländern ein ähnliches Wählerpotenzial wie unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund. Bei Wahlberechtigten aus der Türkei, dem Iran, arabischen Ländern, Afghanistan und Pakistan kommen sie etwas weniger gut an. Von den Wählern aus Russland und anderen Staaten der früheren Sowjetunion kann sich nur jeder Dritte vorstellen, die Partei zu wählen.

Neben dem Migrationshintergrund sind demnach auch Geschlecht und Alter relevante Faktoren. So können sich mehr Frauen als Männer ohne Migrationsgeschichte vorstellen, die Linke zu wählen. Ältere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte geben deutlich seltener an, dass sie in Betracht ziehen, die AfD zu wählen. Sie sind der SPD eher zugeneigt als die jüngere Generation. 

Als Mensch mit Migrationshintergrund im Sinne der Studie gelten Menschen, die einen Elternteil haben, der ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde, beziehungsweise die selbst eingebürgert wurden. Seit 2021 sind Menschen aus Syrien unter den Ausländern, die deutsche Staatsbürger werden, die größte Gruppe.

Rund 14 Prozent der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund 

In dem Zeitraum, in dem die Befragungen stattfanden, lag er Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund zwischen 12 und 14 Prozent. Nach einer Recherche des Mediendienstes Integration haben rund 11,6 Prozent der frisch gewählten Abgeordneten einen Migrationshintergrund im Sinne der Untersuchung. Im 2021 gewählten Bundestag waren es 11,3 Prozent. 

Im aktuellen Bundestag ist der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund bei den Fraktionen der Grünen, der Linkspartei und der SPD deutlich höher als bei den Fraktionen von Union und AfD. Im Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat eine Ministerin einen Migrationshintergrund, die Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan von der SPD.

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