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Zehn Jahre OnlyFans: Mein Körper, mein Abo, meine Wahl?

23.10.2026, 06:10

Für die einen ist OnlyFans ein Weg, mit eigenen Inhalten Geld zu verdienen. Andere warnen vor Abhängigkeit, Gewalt und Ausbeutung. Eine Creatorin, eine Frauenrechtsorganisation, die Plattform und das Bundeskriminalamt (BKA) blicken unterschiedlich auf dieselbe Frage: Wie selbstbestimmt ist die Arbeit dort?

«Wenn es mir zu viel wird, klappe ich den Bildschirm zu, und gut ist», sagt Sally Dinosaur. Die Creatorin veröffentlicht auf OnlyFans erotische Inhalte und beschreibt ihre Arbeit als etwas, das sie gerne und aus eigenem Antrieb macht. Was sie zeigt, entscheidet sie nach eigener Darstellung von Tag zu Tag: mal Bikinibilder, mal Videos. «Hauptsache, ich fühle mich damit gut.»

Sina Tonk von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sieht hinter solchen Entscheidungen auch Machtverhältnisse. OnlyFans folge einer patriarchalen Logik: «Die Creatorinnen sind überwiegend weiblich, die Nutzer überwiegend männlich.» Sie warnt vor wirtschaftlichem Druck und davor, dass Aufnahmen außerhalb der Plattform weiterverbreitet werden. «Das Netz vergisst nicht, einmal im Netz bleibt immer im Netz.»

OnlyFans wurde 2016 gegründet. Auf der Plattform können Menschen Fotos und Videos gegen Bezahlung anbieten; bekannt ist sie vor allem für sexuelle Inhalte, sie steht aber auch anderen Genres offen. Die Betreiberfirma Fenix International hat ihren Sitz in London. Für das Geschäftsjahr bis Ende November 2025 beziffert OnlyFans den Umsatz auf 1,553 Milliarden US-Dollar (knapp 1,4 Mrd. Euro). Nach Unternehmensangaben legen Creatorinnen und Creator ihre Preise selbst fest und behalten 80 Prozent ihrer Einnahmen.

Zwischen eigenem Entschluss und Erwartungsdruck

Sally sagt, sie zeige nur Inhalte, auf die sie Lust habe. Eine Anfrage könne sie annehmen oder ablehnen. «Am Ende bin aber immer noch ich diejenige, die Ja oder Nein sagt.» Das sei für sie Selbstbestimmung - allerdings nicht automatisch ein Verdienst der Plattform: «Die Plattform OnlyFans bedeutet nicht Self-Empowerment.» Entscheidend sei, wie sie selbst mit der Arbeit umgehe.

Tonk sieht das kritisch: Wer mit den Inhalten Geld verdienen müsse, könne sich gedrängt fühlen, mit der Zeit mehr zu zeigen als ursprünglich geplant. «Daran zeigt sich für mich, wie schmal der Grat zwischen Selbstbestimmung und Zwang ist.» Außerdem seien Creatorinnen abhängig von Männern, die explizite sexuelle Inhalte wollen. Sally kennt das Austesten von Grenzen ebenfalls, beschreibt es aber anders: Wenn ihr eine Aufnahme im Nachhinein nicht gefalle, veröffentliche sie diese nicht oder lösche sie. «Ich entscheide darüber, und ich finde, das ist durchaus Self-Empowerment.»

Tückischer Einstieg?

Auch der leichte Weg zum eigenen OnlyFans-Account könnte laut Tonk gefährlich sein: «Im Gegensatz zur Prostitution ist der Einstieg bei OnlyFans niedrigschwelliger. Es geht ja nicht sofort um Prostitution, sondern es beginnt mit erotischem Content.» Man habe deshalb vielleicht das Gefühl, dabei noch relativ viel selbst bestimmen zu können, was man anbietet und was nicht. 

Hinzu kommt eine andere Frage: Wer kontrolliert, was einmal veröffentlicht ist? Tonk berichtet von Creatorinnen, deren Aufnahmen auf anderen Plattformen aufgetaucht seien, und von bedrohlichen Nachrichten einzelner Fans. Sally sagt, sie habe auf OnlyFans bislang nur eine Person blockieren müssen. Auch sie hält einen «Schutzmantel» im Umgang mit dem Internet für nötig.

Tonk warnt zudem, dass Frauen manipuliert würden, um auf OnlyFans für andere Menschen Geld zu verdienen.

Ein Sprecher von OnlyFans verweist allgemein auf Kontrollen bei Identitätsprüfung, Moderation und Zahlungsabwicklung. Diese würden laufend weiterentwickelt. Von externen Managementagenturen distanziert sich die Plattform, auch für von Dritten betreute Accounts gälten dieselben Kontrollen. Tonk bezweifelt, dass die Prüfung bei der Menge an Inhalten ausreicht. Sie fordert stärkere Haftung der Plattformen und mehr Prävention gegen Ausbeutung.

Was sich von außen erkennen lässt

Das Bundeskriminalamt ordnet die Risiken vorsichtig ein. Generell sei festzustellen, dass die fortschreitende digitale Dimension des Menschenhandels die Arbeitsweise von Menschenhändlern auch weiterhin stark beeinflusst. «Dem BKA liegen vereinzelte Erkenntnisse vor, dass auch die Plattform OnlyFans im Bereich Menschenhandel / Zwangsprostitution eine Rolle spielt», wie eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur mitteilt. Zu Ermittlungsverfahren äußert sich die Behörde grundsätzlich nicht.

OnlyFans hebt derweil die wirtschaftlichen Chancen hervor: Seit der Gründung seien weltweit mehr als 30 Milliarden US-Dollar an Creatorinnen und Creator ausgezahlt worden; mehr als 5.000 hätten jeweils über eine Million Dollar über die Plattform verdient. Tonk hält dagegen, dass große Einnahmen nur wenigen gelängen. Wie viel die meisten tatsächlich verdienen, lässt sich aus den von OnlyFans mitgeteilten Gesamtzahlen nicht ablesen. Sally sagt, OnlyFans habe ihre Ausbildung schnell abgelöst, sie habe sie trotzdem fortgesetzt und nebenher tätowiert.

Sie bleibt nach eigenen Worten vor allem wegen der Reichweite auf OnlyFans, nicht wegen der Funktionen. Für Tonk ist genau die Größe der Plattform ein Teil des Problems: Je mehr Inhalte und Kontakte, desto schwieriger sei es, Risiken zu erkennen. Zwischen Sallys Entscheidung, etwas zu veröffentlichen, und der Sorge, dass andere diese Entscheidung nicht frei treffen können, liegt der Konflikt, den zehn Jahre OnlyFans nicht auflösen.

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