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Zwei Sekunden Film am Tag: Beim Dreh von «Shaun das Schaf»
Die Mauersteine sind gegossen, das Gras ist aus Fleece, die Bäume ringsum leuchten in Rot und Gold. Das kleine Bauernhaus kennen Kinder in aller Welt: Hier lebt «Shaun das Schaf». Gebaut wurde das Farmhaus 2007 für die erste Staffel der Fernsehserie - und es ist bis heute im Einsatz. «Als ich das entworfen habe, hätte ich nie gedacht, dass es sieben Staffeln werden, zwei halbstündige Specials und jetzt der dritte Kinofilm», sagt Art Director Kitty Clay beim Rundgang durch die Studiohalle in Bristol.
Zwei Sekunden Film pro Tag
Es ist Februar, und beim Animationsstudio Aardman laufen die Dreharbeiten zu «Shaun das Schaf - Spuk im Kürbisfeld» (Kinostart: 1. Oktober) auf Hochtouren. In der Halle reihen sich mehr als 40 kleine Sets aneinander, abgeschirmt durch schwarze Vorhänge. Rund 30 Animatoren bewegen darin die Figuren Bild für Bild - buchstäblich eine Millimeterarbeit, die viel Geduld erfordert. Jeder schafft etwa zwei Sekunden Film am Tag.
«Stop-Motion ist wie Realfilm, aber man hat nur einen einzigen Versuch», sagt Steve Cox, der gemeinsam mit Matthew Walker Regie führt. Jede Einstellung wird Stück für Stück aufgebaut und lässt sich hinterher kaum noch ändern. Wer nachbessern will, muss sie komplett neu animieren - das kommt selten vor.
Shaun auf Abwegen
Nach «Shaun das Schaf - Der Film» (2015) und «Shaun das Schaf - Der Film: Ufo-Alarm» (2019) ist es Shauns drittes Kinoabenteuer (Originaltitel: «Shaun the Sheep: The Beast of Mossy Bottom»). Auf der Farm Mossy Bottom steht Halloween vor der Tür, und die Schafe haben heimlich ein eigenes Kürbisbeet angelegt. Als der Farmer es aus Versehen verwüstet, will Shaun das Fest im Alleingang retten.
Er braut einen Trank, der die Kürbisse über Nacht wachsen lassen soll. Doch das Experiment gerät außer Kontrolle: Der Farmer verschwindet spurlos, und in den Wäldern um Mossingham taucht ein zotteliges Biest auf. Dabei wollte der Farmer eigentlich nur die neue Tierärztin zum Halloween-Tanz einladen.
Ein bisschen Gruseln ist erlaubt
«Es ist definitiv der ambitionierteste Shaun-Film, den wir je gemacht haben», sagt Walker. Erstmals verschlägt es Shaun sogar aufs Meer. Sonst ist die Herde sein Rückhalt, diesmal geht er eigene Wege. Ihn trotzdem sympathisch zu halten, sei die Herausforderung gewesen, sagt Cox.
Gruseln dürfen sich die jungen Zuschauer - aber nur ein wenig. «Wir wollen, dass sich die Kinder ab und zu ein bisschen unwohl fühlen, aber keine Angst bekommen», sagt Walker. Bei einer Testvorführung habe es ein Kind schon bis zur Treppe geschafft - und sei dann umgekehrt, weil es wissen wollte, wie es weitergeht. Wie seine Vorgänger ist auch der neue Film ein Vergnügen für Kinder wie für Erwachsene.
Handarbeit statt Computer
Für die Puppenbauer war das Biest eine besondere Herausforderung. Weil sich Fell bei jeder Berührung verschiebt, sähe die Figur sonst aus, als stünde sie im Sturm, erklärt Kate Anderson aus dem Puppenbau. Deshalb wird es mit Kunststoff besprüht und in rund 30 Strähnen geteilt, die nach jedem Handgriff in ihre Form zurückfedern.
Für das Meer greift das Team zu einem alten Trick: Eine mit Alufolie umwickelte Küchenrolle wird angestrahlt und bewegt, so tanzen Lichtreflexe wie von Wasser über das Set. Künstliche Intelligenz sieht Kameramann Charles Copping allenfalls als Hilfsmittel: «Sobald man dieses Handwerkliche ersetzt, hat man eines der einzigartigsten Dinge an Shaun das Schaf und an allem, was Aardman macht, verloren.»
Vom Küchentisch zum Oscar
Aardman feiert in diesem Jahr 50-jähriges Bestehen. Die Jugendfreunde Peter Lord und David Sproxton begannen schon als Schüler am Küchentisch mit Trickfilmen und gründeten 1976 in Bristol ihr Studio. 1985 kam Nick Park dazu, der Erfinder von «Wallace & Gromit». Vier Oscars hat Aardman seither gewonnen. Der erste Kinofilm, «Chicken Run» (2000), gilt bis heute als erfolgreichster Stop-Motion-Film aller Zeiten. Unabhängig ist das Studio bis heute: Seit 2018 gehört Aardman mehrheitlich den eigenen Beschäftigten.
Shaun hatte seinen ersten Auftritt 1995 in «Wallace & Gromit - Unter Schafen». Copping stand damals zum ersten Mal an einem Set - zur selben Zeit wie das Schaf. Heute läuft die Serie in mehr als 170 Ländern, auch weil Shaun kein Wort spricht. «Jedes Land betrachtet Shaun das Schaf als sein eigenes», sagt Cox.
Zum Jubiläum tourt die Show «Aardman in Concert» durch Großbritannien. Ein Orchester spielt die Musik aus den bekanntesten Filmen und Serien des Studios, dazu laufen Szenen auf einer Leinwand. Die Musiker sind als Aardman-Figuren verkleidet - von Wallace bis zu Shaun und seiner Herde. Noch bis Ende Oktober ist die vergnügliche Show unterwegs.