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Kontroverse um Gaza-Film: Doku «NAZA» im Kino

30.09.2026, 06:09

Bei den Filmfestspielen in Venedig mit langem Applaus gefeiert, in Israel von Armee und Regierung scharf angegriffen: Die Gaza-Dokumentation «NAZA» der beiden jüdischen Filmemacher Yuval Abraham (31) und Rachel Szor (32) kommt in die deutschen Kinos. Ab November werde sie dann kostenlos online zu sehen sein, kündigten die beiden an. In Venedig gewann der Film den Spezialpreis der Jury.

Davon handelt «NAZA» 

Die Filmemacher greifen sich in ihrer 80 Minuten langen Dokumentation aus der Komplexität des Gaza-Kriegs vor allem einen Aspekt heraus: das mutmaßliche System, das hinter der israelischen Kriegsführung stehen soll - in all seiner Effizienz. 

«NAZA» leitet sich vom hebräischen Ausdruck «Nezek Agavi» für Kollateralschaden ab. Nach Darstellung eines im Film befragten Soldaten bezeichnet das Kürzel im Militär die geschätzte Zahl der Zivilisten, die bei einem Angriff sterben könnten.

Die Ausführungen der anonymen Zeugen sollen beschreiben, wie Ziele ausgesucht werden und wie Entscheidungsprozesse vor einer Bombardierung von Wohngebäuden ablaufen. Dabei schildern einige der im Film Befragten auch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Aufgenommen nachts auf den Dächern von Tel Aviv, interviewt Abraham laut eigener Aussage 24 Mitglieder des israelischen Geheimdienstes. Ihre Stimmen sind verfremdet, ihre Gesichter unerkennbar im Schatten.

Die britische Zeitung «The Guardian» hat den Film mitproduziert und zuvor investigativ zu den Vorwürfen recherchiert. Sie beruft sich darauf, alle journalistischen Standards eingehalten zu haben. 

Eine Schlüsselszene

Ein Protagonist erzählt, dass bei manchen israelischen Luftangriffen 20, 30 oder 300 Palästinenser getötet worden seien. «Einmal gab es die Genehmigung, 500 Menschen bei einem Angriff auf ein menschliches Ziel zu töten», so der Mann. «Ich kann auf ein Haus klicken und sehen, wie viele Menschen Schaden nehmen, wenn ich es bombardiere». Er nimmt ein Blatt Papier und skizziert. «Man sieht es so: Wohnung 6, 5. Stock, Ahmed und seine Familie werden sterben.»

Israels Armee weist die Darstellung der Filmemacher zurück

Einen Tag vor der Preisverleihung am 12. September wies die israelische Armee die Vorwürfe zurück. Sie stellte die Glaubwürdigkeit der 24 anonymen Zeugen infrage. Manche Aussagen beträfen Entscheidungen, über die Angehörige niedrigerer Dienstränge keinen Überblick haben könnten. Die Armee kritisierte, ihr sei der Film für eine Erwiderung nicht vorab vorgelegt worden.

Laut Armee werden auch Angriffe abgebrochen, sobald der absehbare zivile Begleitschaden im Missverhältnis zum militärischen Vorteil stehe - so wie es das humanitäre Völkerrecht vorschreibt. Die im Film dargestellte systematische Hinnahme hoher ziviler Opferquoten gehöre nicht zur Militärdoktrin. 

Ob einzelne Angriffe diese Grenze überschritten, lässt sich aus den Stellungnahmen der Armee und den Filmszenen allein nicht beurteilen.

Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde in Gaza sind während des knapp dreijährigen Krieges bislang rund 74.000 Palästinenser getötet worden. Die Behörde unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. Israelische Militärvertreter bezifferten die Zahl der im Gazastreifen getöteten Kämpfer Mitte September auf mehr als 24.000; eine unabhängig verifizierte Gesamtaufteilung liegt nicht vor.

Armee bestreitet Einsatz von KI bei Angriffen

Zu den Vorwürfen über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sagte Armee-Sprecher Effi Defrin, Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden ausschließlich von menschlichem Personal getroffen und nicht von Künstlicher Intelligenz.

Kontroverse Reaktionen in Israel

Kulturminister Miki Zohar von der Likud-Partei bezeichnete die Arbeit der Filmemacher als Landesverrat und forderte, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte Gesetzesvorhaben gegen Menschen an, die israelische Soldaten oder den Staat im Ausland verleumdeten.

Die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem stellte sich dagegen an die Seite der Filmemacher. Gemeinsam mit weiteren Organisationen wandte sie sich gegen Drohungen und mögliche Schritte gegen Abraham, Szor und ihre Quellen.

Das sagen israelische Kommentatoren

Der israelische Journalist Nadav Eyal schreibt auf X: Die Vorbereitung für einen Luftangriff auf ein Ziel sei langwierig und komplex. An jedem Angriff seien über 100 Personen beteiligt, noch bevor der Pilot zum Einsatz komme. Nur wenige von ihnen, wenn überhaupt, hätten den vollständigen Überblick.

Amos Harel von der linksliberalen Zeitung «Haaretz» teilt die Einschätzung, Israel habe Kriegsverbrechen begangen. Was im Gazastreifen während einiger Kampfhandlungen geschehen sei, sei an sich schon grausam und beunruhigend genug. Es verpflichte, die Situation direkt anzuschauen und Selbstreflexion zu betreiben.

Eine ehemalige Hamas-Geisel: Bin ich ein «Kollateralschaden»?

Nach der 80 Minuten langen Vorführung in Venedig berichteten Teilnehmer von 25 Minuten langen, stehenden Ovationen. Manche sprachen von einem Rekordbeifall in der Geschichte des Festivals.

Die frühere israelische Geisel Omer Shem Tov schreibt im «Wall Street Journal», der lange Applaus habe sich wie «ein Hagel aus Messern» angefühlt. Nicht, weil der Film palästinensisches Leid zeige - das sei real und verdiene, gesehen zu werden. Er fühle sich hingegen nicht gesehen. 505 Tage habe er in Hamas-Gefangenschaft verbracht - «entführt, ausgehungert und gefoltert». «In dieser Geschichte bin vielleicht auch ich "NAZA", ein Kollateralschaden», so Shem Tov. 

Wie die Palästinenser und die arabische Welt reagieren

In arabischen sozialen Medien wird unter anderem die Zivilcourage der beiden Filmemacher hervorgehoben. Die in London ansässige Nachrichtenwebsite «Middle East Eye» schreibt, «NAZA» leiste unschätzbare Arbeit in einer Zeit, in der die anhaltende Gewalt sowohl im Gazastreifen als auch im besetzten Westjordanland weiterhin als normal hingenommen werde. 

Laut der in London herausgegebenen Tageszeitung «Al-Arabi Al-Dschadid» wird in Teilen der arabischen Debatte problematisiert, dass westliche Öffentlichkeit offenbar stärker auf israelische Zeugen reagiere als auf jahrelange palästinensische Zeugnisse.

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