Von der Wildkatze zum Stubentiger: Wer hat wen domestiziert?

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Hunde haben Herrchen und Frauchen, Katzen haben Personal. Hunde halten ihre Halter für Götter, weil diese alles für sie tun. Katzen halten sich für Götter, aus genau demselben Grund. Altbekannte (Vor-)Urteile führen dazu, dass sich Deutschland in zwei Lager spaltet, wenn es um Haustiere geht. Die Katzenmenschen und die Hundemenschen. In Deutschland gibt es etwa 16,7 Millionen Katzen und etwa 10,3 Millionen Hunde, die in privaten Haushalten leben. Wie kam es zu dieser Entwicklung, dass einst wilde Tiere heute so eng mit Menschen zusammenleben? Dieser Beitrag beleuchtet die Domestikation und widmet sich – so viel sei vorweggenommen – verstärkt den schnurrenden Samtpfoten.

 

Seit wann leben Katzen mit den Menschen zusammen?

Wer sich eine Katze anschaffen möchte – Tipps dafür finden sich übrigens bei PURINA – denkt als erstes wahrscheinlich nicht darüber nach, welche genetischen Ursprünge sie hat, sondern freut sich auf einen schmusefreudigen Hausgenossen mit samtigem Fell. Dass die erste Freude auch einer Ernüchterung Platz machen kann, weil die Katze vielleicht Arbeit macht, nicht stubenrein ist oder an Holzmöbeln ihre Krallen wetzt, kommt häufiger vor, als man denkt. So gibt es immer wieder Berichte, dass gerade junge Katzen ausgesetzt und alleingelassen werden.


Foto: Pixabay © Engin_Akyurt (CC0 Public Domain)

Aber die eingangs erwähnten Zahlen machen auch deutlich, dass die meisten Katzenbesitzer ihre Tiere lieben und dass im Großen und Ganzen alles gut geht. Katzen gibt es als Freigänger und als reine Stubenhocker. Letztere hat es in der Frühzeit der Koexistenz von Menschen und Katzen wahrscheinlich nicht gegeben. Auf Zypern verdeutlichen archäologische Funde, dass Katzen schon vor 9.500 Jahren in Gesellschaft von Menschen gelebt haben, in China existieren Nachweise, die etwa 5.000 Jahre alt sind. Am bekanntesten ist aber sicher die Tatsache, dass Katzen im alten Ägypten schon mit Menschen zusammenlebten und von ihnen verehrt und geschätzt wurden. Jedoch heißt „in Gesellschaft“ oder „in der Nähe“ von jemanden zu leben nicht dasselbe wie mit ihm zusammenleben.

 

Wo kommt die heutige Hauskatze her?

Genanalysen sind heute der Schlüssel zur Beantwortung vieler wissenschaftlicher Fragen. Solche Untersuchungen an Katzenfunden, die bis zu 9.000 Jahre alt sind, bringen mehrere Erkenntnisse. Die heutigen domestizierten Katzen stammen von der afrikanischen Wildkatze Felis silvestris lybica ab, die in Nordafrika und dem Nahen Osten beheimatet ist. Es wird davon ausgegangen, dass sich die frühen Vorfahren der heutigen Stubentiger dort schon vor 8.000 Jahren in die Nähe landwirtschaftlicher Gemeinschaften begeben haben und den Bauern durch ihre Jagd auf Schädlinge wie Mäuse einen großen Gefallen getan haben. Um etwa 4.400 v. Chr. erfolgte dann wahrscheinlich eine Ausbreitung Richtung Europa. Eine weitere Linie afrikanischer Katzen breitete sich aus Ägypten kommend über das Mittelmeer nach Europa aus. Das begann etwa um 1.500 v. Chr. und belegt, dass die Menschen die Mäusejäger auch mit auf Schiffe nahmen.

 

Was ist Domestikation?

Domestikation ist nicht zu verwechseln mit Gewöhnung oder Zähmung. Viele Tiere, beispielsweise in Zoos, gewöhnen sich an die Tierpfleger und kommen gut ihnen aus. Gezähmte oder dressierte Tiere können sogar Kunststücke ausführen. Aber beiden ist gemeinsam, dass sie einen wilden Ursprung haben. Tiere, die in der Wildnis gefangen werden, können nicht domestiziert werden. Domestikation ist ein Prozess, der sich über mehrere Generationen hinzieht und neben der Veränderung körperlicher Merkmale (die der Mensch schön oder nützlich findet) auch veränderte Verhaltensweisen umfasst. Ob diese veränderten und auf den Menschen geprägten Verhaltensweisen auch genetisch begründbar sind, ist umstritten. Katzen, die miauen und Menschen um die Beine streifen, weil sie Futter wollen, gibt es in der Wildnis nicht. Wölfe, die beim Anblick eines Menschen freudig erregt mit dem Schwanz wedeln, gibt es in der freien Wildbahn auch nicht, genauso wenig, wie es echte Alligatoren in der Isar gibt.

 

Die Selbst-Domestikation der Katze

Es gibt viele Nutztiere, deren Domestikation nach einem jeweils anderen Schema abgelaufen sein könnte. Auch wenn der Mensch letztendlich die Domestizierung der Wildtiere vorangetrieben hat, bleiben die Anfänge doch im Dunkeln. Wie lief der Erstkontakt ab? Von wem ging er aus? Haben sich neugierige Wölfe oder Wildschweine an die menschlichen Niederlassungen herangepirscht, um ein paar Abfälle zu erbeuten? Oder haben die Bauern die wilden Tiere gezielt gefangen, um sie sich nutzbar zu machen? Warum gibt es etwa 150 große Säugetierarten auf der Erde, von denen nicht einmal ein Zehntel domestiziert wurden? Warum gelang bei Pferden und Wölfen, was bei den eng verwandten Zebras und Füchsen nicht gelang? Für Katzen scheint es wahrscheinlich, dass sie selbst für ihre Domestikation verantwortlich sind. Sie haben jahrtausendelang in der Nähe der Menschen gelebt und eine symbiotische Partnerschaft gepflegt. Das Getreide der Bauern war ein Magnet für Mäuse und Ratten und diese waren ein Magnet für Katzen. In dieser Symbiose haben sich die Katzen genetisch nur wenig verändert. Aber irgendwann wurde der Kontakt enger. Je nach Sichtweise gestatteten die Katzen den Menschen, sie zu domestizieren, oder die Menschen gestatteten es den Katzen, sich an sie anzupassen. Aber anders als bei Hunden hatte dies nicht zur Folge, dass bestimmte Merkmale stärker herausgezüchtet wurden und dass sich etliche Rassen herausbildeten, denen die Verwandtschaft mit dem Wolf fast nicht mehr anzusehen ist. Die genetischen Anpassungen der Katze blieben überschaubar. Den Menschen gefiel und nutzte sie so, wie sie war.

 

Die Fellzeichnung

Die Genanalysen belegen auch, dass die gefleckte oder gestreifte Fellzeichnung (die Tabby-Fellzeichnung) erst im Mittelalter bei domestizierten Katzen auftrat. Das Gen für diese Zeichnung lässt sich in das Gebiet der heutigen Türkei und Südwestasiens zurückverfolgen, von wo es sich nach Europa und Afrika ausbreitete. Erst im 18. Jahrhundert war diese Fellzeichnung verbreitet genug, um sie mit domestizierten Katzen in Verbindung zu bringen. Und erst im 19. Jahrhundert begannen Katzenliebhaber damit, gezielt Katzen mit bestimmten Merkmalen auszusuchen und diese in raffinierten Züchtungen weiterzuentwickeln.


Foto: Pixabay © 12222786 (CC0 Public Domain)

Wegbereiter für die Popularität von niedlichen Hauskatzen in Großbritannien war der Maler Louis Wain, der die Geschöpfe mit dem samtigen Fell in zahllosen Bildern verewigte. Wenn man so will, hat er damals das produziert, was heute die Millionen Katzenvideos im Internet sind. Sein Leben wurde übrigens mit Benedict Cumberbatch in Hauptrolle verfilmt. Der Film „Die wundersame Welt des Louis Wain“ feierte am 21.4.2022 seinen Kinostart.

01.06.2022