Minimalistisch in München: Geht das?

Im Überfluss mit so wenig wie möglich auskommen: Kann das funktionieren – und lohnt sich das überhaupt? Warum Minimalismus uns weiter bringt und wie jeder einen Einstieg findet.

Klotzen statt kleckern: München ist die Stadt der Superlative, nirgendwo ist es schöner und nirgendwo lebt es sich besser – so viel ist mal klar. Aber dennoch ist das Leben hier auch teuer. Horrende Mietpreise für winzig kleine Wohnungen sind keine Seltenheit. Kein Wunder also, dass immer wieder die Feststellung kommt: „Ich hab viel zu viel Zeug!“

Minimalismus Challenge als Einstieg in ein leichteres Leben

Abhilfe schafft die Minimalismus Challenge. Woas is doann des? Letztendlich ist sie der Start in ein Leben mit bewussterem Konsum, aber ohne Verzicht. Bei dem geschaut wird: Was brauche ich wirklich? Habe ich das nicht noch irgendwo? Das bezieht sich vor allem auf die materiellen Dinge im Leben: Kleiderschrank, Bücher und Aktenordner, Dekoartikel, 100 Tütensuppen… grundsätzlich kann es auf alles angewandt werden.

Aber da hört der Spaß noch nicht auf. Denn tatsächlich fühlen sich viele Menschen auch im Alltag überladen. Zu viel Social Media, zu viel Reklame, zu viele Bilder, zu viele Eindrücke. Genau dieses Gefühl animiert dazu, die Eindrücke und auch den eigenen Konsum einfach mal einzuschränken, bewusster zu werden. Nicht so viel zu aufzunehmen – denn ob gekauft oder nicht, im Kopf schwirren ja doch die ganzen Gedanken rum, die sich durch flüchtig gesehen Werbespots, das Radio oder Postings auf Social Media auslösen lassen. Wann hast du zum Beispiel zum letzten Mal an gar nichts gedacht oder einfach nur deinen Gedanken zugehört, statt der Nachbarin, der besten Freundin am Telefon, der Musik oder dem Hörbuch? Oftmals ist das schon ganz schön lange her – Zeit, das zu ändern.

Minimalismus fasst dabei eine ganze Lebenseinstellung zusammen: Bewusster konsumieren, sich leichter von Dingen trennen. Die Freizeit möglichst gut nutzen, sich aber auch die Freiheit gönnen, mal nicht acht Stunden vor dem Computer zu sitzen. Stattdessen wandern zu gehen, mal in der Natur zu übernachten und die Gedanken einfach schweifen zu lassen. Back to the roots trifft es wohl am besten. Minimalistisch sein. Brauchen statt Haben – oder auch einfach mit dem zufrieden sein, was halt da ist.

Ein Einstieg dazu bietet eine der vielen Minimalismus Challenges, die im Internet kursieren – vielleicht sogar eine, die mehrere Bereiche tangiert und so einen Vorgeschmack auf einiges gibt, was so geht. Viele richten sich konkret auf 30 Tage, also ca. einen Monat ein. Andere nehmen gleich ein ganzes Jahr in Angriff. Einige sind eher auf den Digital Detox ausgerichtet, andere wollen sich gerne von ihrem überflüssigen Besitz trennen und im materiellen Sinne minimalistischer werden. Egal welche Ausrichtung einen persönlich anspricht – sicher ist, dass eine Challenge neue Anstöße gibt und mal wieder darauf hinweist, was wir alles nicht brauchen.

 

Minimalismus – wo lohnt sich das?

Ein echter Minimalist würde jetzt wahrscheinlich sagen: Immer, überall und für überhaupt alles! Aber für alle die, die doch ganz gerne einkaufen gehen, die Bilderflut auf Instagram genießen und die sich auch gern einmal einen großen Teller Pasta beim Lieblingsitaliener gönnen, lohnt sich zunächst einmal die Reduzierung der nervigen, überflüssigen Sachen, die zu Hause rumliegen. Denn das Phänomen „Voller Schrank aber nichts anzuziehen“ kennt vermutlich wirklich jeder und auch der Schreibtisch quillt in vielen Wohnungen über vor Rechnungen, nicht abgehefteter Papiere und irgendwelchen Prospekten, die eh niemand mehr haben will. Bei anderen hingegen ist es vielleicht der Küchenschrank, voll mit halbverbrauchten Sachen und Tütensuppen von anno dazumal – egal wo, die Hauptsache ist: Anfangen!

 

 

So richtig lohnt sich das häufig im Kleiderschrank. Selbst Fashionistas wissen nämlich insgeheim, dass da viel zu viel drin hängt - auch wenn natürlich das ein oder andere glitzerige Patykleid für die Münchner Club-Szene bleiben muss. Dennoch: Mal wieder alles durchforsten und reduzieren, hilft den Überblick zu behalten und nicht immer wieder mit den gleichen Teilen nach Hause zu kommen, während andere Stücke im Schrank versauern. Über das Drei-Stapel-System kann der Bestand zunächst reduziert werden, dann wiederum bleibt das, was immer wieder gern getragen wird.

Wer das Gefühl hat, dass da die Trends auf der Strecke bleiben, der kann sich nach der Capsule Wardrobe richten. Bei diesem System beschränkt sich die eigene Garderobe auf 37 Teile pro Saison, die einen gesunden Mix aus Basics und saisonalen Highlights ergeben: Taschen, Schuhe, Kleider, Röcke, Tops und Jacken – alles ist dabei. Diese lassen sich optimal untereinander kombinieren, so dass aus der recht kleinen Anzahl von Teilen doch maximal viele Outfits gezaubert werden können.

Das gute dabei ist, dass die wahren Basics über zwei oder drei Seasons hinaus erhalten bleiben oder gleich rund ums Jahr getragen werden können – hier hält sich der finanzielle Aufwand sehr in Grenzen. Zeitgleich können aber immer wieder tolle neue Statement-Teile dazu kommen, die den Trend der Saison genau auf den Punkt bringen. Im Frühjahr könnte das zum Beispiel eine Bluse mit großen Rüschen oder Volants sein, die gerade angesagt sind. Im Sommer kommt dann ein Statement-Kleid dazu, das sowohl für die Strandparty geeignet ist, sich mit Accessoires aber auch auf den schicken Restaurantbesuch trimmen lässt.

Wem das zu viel oder zu wenig ist, der kann in der Anzahl natürlich noch deutlich variieren. Genauso wie nach oben, lässt sich die Zahl auch nach unten korrigieren. So lebte die Neuseeländerin Frederique Gulcher sechs Wochen lang nur mit sechs Kleidungsstücken – Unterwäsche, Socken und Accessoires ausgenommen und wagte sich somit in ein Experiment. Das wichtigste ist sowohl bei diesem minimalen als auch jedem größeren Kleiderschrank vor allem eins: Kombinationsgeschick.  

Aber abgesehen von digitaler Minimalisierung, dem Verzicht auf einen großen Kleiderschrank und der bewussten Entscheidung, nicht noch die dritte Uhr für diesen Monat zu kaufen, gibt es noch ganz andere Blüten der „Ich will auf keinen Fall etwas sammeln“-Leidenschaft. Manche verzichten zum Beispiel so weit wie möglich auf jeglichen Konsum – sie tragen ihre Schuhe, bis sie auch der Schuster nicht mehr reparieren kann, flicken die durchlöcherte Jeans und tragen den Pullover auch noch ein fünftes Jahr in Folge, weil er eben immer noch so warm hält wie am ersten Tag. Andere hingegen versuchen so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Sie kaufen ihr Gemüse frisch beim Bauern oder ernten es gar selbst – was übrigens auch in der Stadt hervorragend funktionieren kann. Alles, was sie nicht selbst herstellen können, wird in mitgebrachten Behältern nach Hause transportiert – so wie jeder es im verpackungsfreien Supermarkt machen kann.

 

 

Warum es in München so sinnvoll ist und auch der Rest der Welt davon profitiert

Das Ziel davon ist einfach: Die Umwelt weniger belasten, Ressourcen schonen, den eigenen ökologischen Fußabdruck schmälern. Die Effekte sind aber auch anderswo spürbar: Wer verpackungsfrei kauft, muss nicht so oft den Müll runterbringen. Ein minimalistischer Lifestyle kostet weniger Geld – Geld, das nicht verdient werden muss und so auch ganz neue Möglichkeiten von Arbeitsmodellen eröffnet. Weniger Geld, mehr Freizeit. Diese ist dafür nicht so überladen, sondern nur gefüllt mit den wirklich wichtigen Dingen, die Spaß machen und gut tun.

Natürlich wird nicht jeder, der mal seinen Kleiderschrank aussortiert, den Schreibtisch richtig ordentlich macht oder sich vornimmt, in Zukunft nicht immer zehn Mehlsorten zu Hause stehen zu haben zum Konsumverweigerer. Aber es tut dennoch gut, mal ein wenig bewusster an die Sache mit der Einkauferei heranzugehen – sowohl bei den Lebensmitteln als auch bei der Kleiderwahl. Denn tatsächlich benötigen wir so vieles gar nicht, was täglich mit nach Hause geschleppt wird. Anschließend wird es dann weg geworfen, landet im Müll und war doch wieder „völlig umsonst“.

Gerade in einer Stadt wie München ist es also sinnvoll, mal ein wenig über das Thema Minimalismus nachzudenken. Müll reduzieren, die Innenstadt mit den Konsumtempeln ein wenig leerer machen oder einfach nicht mehr in den eigenen Klamotten zu ersticken – die Ziele können vielfältig sein. Sicher ist, dass jede Maßnahme, die hilft den eigenen Besitz ein wenig zu reduzieren, freier macht. Es fühlt sich gut an, den Ballast loszuwerden und wieder Ordnung zu schaffen. Das passiert direkt im Kopf – und ist der Lohn für die getane Arbeit, für das Auseinandersetzen mit der Frage „Brauch ich das wirklich?“. Weitere Veränderungen kommen dann ganz von selbst.

Die Einschränkung der eigenen materiellen Güter tut also gut – und gerade eine Stadt wie München macht es dabei leicht. Vielfältige Angebote von Repaircafés über Kleidertauschpartys bis hin zum verpackungsfreien Supermarkt erleichtern den bewussten Umgang mit dem Geld und dem Gut – und sorgen so dafür, dass das Leben ein bisschen leichter wird. Denn am besten reist es sich nun mal mit leichtem Gepäck.

Ein bisschen mehr Minimalismus lohnt sich also wirklich für jeden, eine Stadt wie München macht diesen Lifestyle auch nicht schwerer – ganz im Gegenteil. Und tatsächlich wird sie es danken. Genauso wie der eigene Kopf, der endlich ein bisschen freier werden kann und die Umwelt, die aufatmet, da weniger Konsum auch weniger Produktion bedeutet, weniger Müll und damit mehr grüne Natur, die Zeit zum Leben und Platz zum Atmen schenkt. Probiert es einfach mal aus – es wird sich lohnen.

 

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